Gefallen an St. Gallen

Der Schweizer Stiftungssektor wächst. Im Jahr 2017 verzeichneten die Eidgenossen einen Zuwachs von 364 Neugründungen, d.h. im Schnitt kommt jeden Tag eine neue Stiftung dazu. Ihre Gesamtzahl beträgt nun 13.129. Zum Vergleich: Der Bundesverband Deutscher Stiftungen vermeldet im gleichen Zeitraum 549 Neuerrichtungen und kommt auf aktuell 22.274 rechtsfähige Stiftungen, die ein Kapital von 68 Milliarden Euro binden. Der Schweizer Stiftungsreport 2018 wiederum taxiert ein Gesamtvermögen von sogar 97,4 Milliarden Schweizer Franken, rund 84,4 Milliarden Euro. Finanzielle Ressourcen für wirksame Projekte gibt es bei unseren Nachbarn also genug.

Ein wichtiger Unterschied zwischen beiden Ländern besteht darin, dass die allermeisten Schweizer Stiftungen als reine Förderstiftungen verfasst sind und sich nicht unbedingt als aktiven Teil der Zivilgesellschaft verstehen. Bedingt durch die ausgleichende Tradition der Konkordanzdemokratie sehen sie ihre vorrangige Aufgabe nicht in eigenen Interventionen. Das Thema Themenanwaltschaft (engl. advocacy) wurde denn auch kontrovers auf dem Stiftungssymposium in St. Gallen diskutiert, das mit 430 Teilnehmenden einen neuen Besucherrekord aufstellte.

Nach Ansicht von Dr. Tobias Jung vom Centre for the Study of Philanthropy & Public Good an der Universität St. Andrews ist “die Philanthropie immer politisch, schließlich vertritt sie Wertvorstellungen”. Sandro Guiliani, Geschäftsführer der vermögenden und global agierenden Jacobs Foundation, beschrieb in einer Podiumsdiskussion den eigenen Ansatz folgendermaßen: “Wenn wir als Stiftung wirkungsorientiert denken, überlegen wir nicht gegen, sondern mit der Politik und anderen Akteuren: Was können wir gemeinsam erreichen?” Zum Hintergrund muss man wissen, dass die Jacobs Foundation im Zentrum eines NZZ-Artikels stand, der den wachsenden Einfluss der Stiftungen auf das Gemeinwesen heftig kritisierte.

Georg von Schnurbein, Direktor des Center for Philanthropy Studies (CEPS) der Universität Basel, hat für die Skepsis vor zu viel Stiftungs-Impact eine plausible Erklärung: “Neben den Erfolgsmeldungen vom Wachstum an Stiftungen und philanthropischen Zuwendungen (...) darf nicht vergessen werden, dass privates Engagement für einen gemeinnützigen Zweck immer auch als Bedrohung verstanden werden kann. Zum einen von staatlichen Institutionen, die um ihre eigene Deutungshoheit fürchten und aus deren Perspektive die Unabhängigkeit der philanthropischen Organisationen eingeschränkt werden muss. Zum anderen aber auch immer von einzelnen Gesellschaftsgruppen, die den Verlust von Einfluss, Bedeutung oder Kontrolle befürchten, wenn Stiftungen auf gesellschaftliche Veränderungen drängen.”

Doch genau dieser Anspruch wird jetzt immer lauter eingefordert. Lukas von Orelli, Geschäftsführer der Velux Stiftung und zugleich Präsident des gastgebenden Verbandes SwissFoundations, warnte bereits zu Beginn des St. Galler Stiftungssymposiums vor allzu großer Selbstgenügsamkeit. Der Schweizer Stiftungssektor kranke an einem schlechten Image, was vor allem auch auf die vornehme Zurückhaltung der Akteure angesichts häufig unterstellter finanzieller Intransparenz zurückzuführen sei. Die Legitimationsfrage stelle sich deshalb in großer Dringlichkeit. Als Gegenmittel empfahl Orelli drei Dinge: Wirkung, Vielfalt und Sichtbarkeit. Er sprach damit wohl auch dem deutschen Kommunikationswissenschaftler Prof. Otfried Jarren aus dem Herzen, der im Auditorium die Forderung erhob: “Stiftungen sollten transparent agieren und vor allem Wissen für die Gesellschaft bereitstellen."

Als Erkenntnis drängte sich auf, dass die schweizerische Diskussion um Wirkungsorientierung und damit einhergehende Dokumentationspflichten bzw. Selbstverpflichtungen ganz anders gerahmt ist als in Deutschland. Während hierzulande der Streit eher darum geht, welche Messverfahren für Wirkungsbelege nun überhaupt notwendig und vertretbar sind, geht es in der Schweiz stärker um die proaktiven Voraussetzungen einer guten Aufstellung von Stiftungen als Intermediären zwischen Staat, Privatwirtschaft und Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang stellt Markus Kaminski in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift DIE STIFTUNG Schweiz fest: “Wenn Organisationen darauf verzichten, ihre Wirkung rechtzeitig und glaubhaft zu kommunizieren, kann kein Eindruck von den Lücken entstehen, die einzelne Strukturen beim Verschwinden vom Markt hinterlassen.” Einmal abgesehen davon, dass das Risiko, existenziellen Krisen durch z.B. Reputationsschäden zu begegnen oder gar eine Liquidation befürchten zu müssen, kaum der alleinige Anreiz für ein recht aufwändiges Wirkungsreporting sein dürfte, sieht Kaminski vor allem methodische Probleme als Hemmnis: “Wer die Wirkungsbelege einiger (zurzeit noch weniger) Organisationen studiert, wird feststellen, dass diese Aufstellungen die bekannten Wirkungstreppen oder Wirkungspyramiden im Idealfall so gerade noch in Sichtweise haben.”

Wirkung als “Lebensversicherung” (ebd.) war für Jan Engelmann, Geschäftsführer der Social Reporting Initiative, jedoch nicht die zentrale Leitidee, als er auf dem St. Galler Stiftungssymposium ein Lernforum zum Thema “Wirkung zeigen mit dem Social Reporting Standard” anbot. Vielmehr sollte es vor ca. 70 Teilnehmenden darum gehen, den SRS als ein hilfreiches Werkzeug gerade für Förderstiftungen zu positionieren. Unterstützt wurde er dabei von Patrizia Rezzoli, Geschäftsführerin der Prof. Otto Beisheim Stiftung, die sich vor drei Jahren am SRS für ihre eigene Förderpraxis orientiert hat. Stiftungen, so Engelmann, könnten mittels des SRS gleich vier Ziele verfolgen:

  • die passenden Förderprojekte auswählen (Qualitätssteigerung der Gesuche durch Einsatz des SRS im Antragsmanagement)
  • verschiedene Förderprojekte miteinander vergleichen (Differenzierung von ähnlich gelagerten Anträgen aufgrund einer festgelegten Struktur)
  • den Ansatz und die Wirkungen der eigenen Institution sowie von Förderprojekten vermitteln (Kommunikation von Erfolgen aufgrund von nachvollziehbaren Wirkungsannahmen und -belegen
  • sich selbst und die Förderpartner qualitativ weiter entwickeln (Reflexion über die erzielten Ergebnisse und Learnings für die weitere Zusammenarbeit)

Wie die anschließende Diskussion zeigte, misstrauen vereinzelte Beobachter dem aktuellen “Wirkungs-Hype” und üben zuweilen auch Kritik an überzogenen Erwartungen. Diese ist vor dem Hintergrund mangelnder personeller Ressourcen selbst in kapitalstarken Förderstiftungen auch verständlich. Beim Methodenstreit wird allerdings gerne übersehen, dass der SRS tatsächlich “nur” ein Grundgerüst bildet, mit dem man sich über strategische und konzeptionelle Überlegungen überhaupt verständigen kann - eine sehr wichtige Voraussetzung, um gute Arbeitsresultate erzielen zu können. Ein Instrument zur Wirkungsmessung ist er, anders als oftmals unterstellt wird, jedoch nicht. Eher schon ein Format zum Nachdenken, mit dem auch die eigene Organisationsentwicklung angeschoben wird.

Wenn schon keine Lebensversicherung, dann ist der SRS für Stiftungen zumindest eine Art Frühwarnsystem, damit eine Förderbeziehung aufgrund falscher Erwartungen nicht schon vorab scheitert bzw. vorzeitig beendet wird. Dass eine Absage oder ein abrupter Exit aus Sicht der Förderempfänger häufig schlecht kommuniziert und nicht ausreichend begründet wird, das wiederum belegte der schonungslos ehrliche Erfahrungsbericht von Peter Augustin (Software AG Stiftung) sowie die ersten “Grantee Perception Reports” in Deutschland und der Schweiz, die nach Ansicht von Verbandschefin Beate Eckhardt gerne auch flächendeckend eingeführt werden sollten. Der intensive und grenzüberschreitende Austausch in St. Gallen war so gesehen auch ein wichtiger Schritt in Richtung einer gemeinsamen Lernkultur.

Social Reporting Standard | Wirkungsorientierte Berichterstattung für soziale Organisationen