"Die Zeit lohnt sich"

In verschiedenen Sektoren der Freien Wohlfahrt kommt es mittlerweile zu interessanten Experimenten mit dem SRS. Die Orientierung an seinen Vorgaben erleichtert den Einrichtungen nicht nur die Verhandlungen mit Kostenträgern, sondern trägt vor allem zur eigenen Qualitätssicherung bei. Ein gelungenes Praxisbeispiel liefert das Jugendhilfe-Projekt "Young Independent Living" (YIL) in München. Eine Lektüre des Jahresberichts.

Das Young Independent Living (YIL) München ist eine sozialpädagogisch begleitete Wohnform für junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren. Träger ist das Diakonische Werk des Evang.-Luth. Dekanatsbezirks Rosenheim e. V., dessen Einrichtungen und Dienste unter der Dachmarke „Jugendhilfe Oberbayern“ seit 2012 nach dem SRS berichten.

Der erste wirkungsorientierte Bericht des YIL über das Geschäftsjahr 2016 erfolgt gemäß § 4 Abs. 3 des Bayerischen Rahmenvertrags nach § 78 f SGB VIII und explizit unter Zuhilfenahme des SRS. Dabei orientiert die Einrichtung sich zwar an den SRS-Vorgaben, verändert aber in Teilen die vorgeschlagene Sukzession der Kapitel. Der Beginn ist noch klassisch, darin formuliert der Träger seine Vision:

„Wir helfen jungen Menschen und deren Familien schnell, flexibel und nachhaltig bei der Lösung von sozialen Problemen und bei der Verbesserung von Sozialisationsbedingungen.“

Nachfolgend werden die zentralen Elemente der Mission und damit die Besonderheiten und Ziele des Projekts benannt:

  • Niedrigschwellige Hilfen aus einer Hand, Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund
  • Sozialraumorientierung, Nutzung vorhandener Ressourcen auf individueller, sozialer, sozialräumlicher sowie institutioneller Ebene
  • Beziehungskontinuität bei der Bewältigung des Lebensalltags, bedarfsorientierte und flexible Hilfen
  • Konfrontative Pädagogik („Du bist okay, dein Verhalten nicht!“), Angebot von Schutz- und Rückzugsräumen und Tolerierung problematischen Verhaltens
  • Partizipativer Grundansatz, Beteiligung der jungen Menschen und ihrer Erziehungsberechtigten an allen für sie relevanten Entscheidungen

Im wirkungstheoretischen Teil, der innerhalb des SRS-Rahmens gewissermaßen den strategischen Kern einer Organisation freilegt, entfaltet das YIL seine pädagogische Konzeption und listet daran geknüpfte Leistungsbeschreibungen auf. Danach werden die anzumeldenden Ressourcen für das Folgejahr aufgeführt.

Im eigentlichen Berichtsteil für das abgelaufene Geschäftsjahr geht es vor allem um jene Dinge, die auf einfache Weise erfassbar sind. Dazu gehören etwa die eingesetzten finanziellen, personellen und zeitlichen Ressourcen. Die Leistungsbilanz zählt die Gesamtzahl der betreuten jungen Menschen, ihre Herkunftsländer, die Geschlechterverteilung, Altersverteilung und Entlassungsquote auf. Bei der Wirkungsbilanz (Zielgruppen-Ebene) räumt der Bericht ein, „dass es weniger die spezifischen Interventionen sind, die einen Effekt bewirken“. Im Gespräch mit der Social Reporting Initiative gab Natascha Linge als redaktionell Verantwortliche zu bedenken:

„Der schwierigste Teil des SRS waren für uns überwiegend die Kapitel, die sich auf die konkrete Wirkungsmessung bezogen. Geeignete Instrumente und Indikatoren zu finden, mit denen sich die erzielte Wirkung zuverlässig bzw. eindeutig messen oder gar nachweisen lässt, ist sehr schwer. Zumal es fast unmöglich ist, immer alle anderen Einflussfaktoren als die der eigenen Maßnahmen auszuschließen. Selbst das Erreichen oder Nicht-Erreichen der vereinbarten Wirkungsziele als Indikator für Erfolg oder Misserfolg zu nehmen, birgt Tücken und ist ebenfalls nicht immer völlig eindeutig.“

Um diese Schwierigkeiten nachvollziehbar und transparent zu machen, identifiziert der Bericht gleich mehrere Bedingungen, welche die Wirkungswahrscheinlichkeit einer Maßnahme erhöhen:

Generelle Wirkfaktoren

  • Geeignetes pädagogisches Setting
  • Partizipation der jungen Menschen an jedem Schritt im Hilfeverlauf
  • Fokus auf Beziehungsarbeit und -gestaltung
  • Erfahrung von Wertschätzung, Unterstützung, Fairness, Verständnis, Verlässlichkeit sowie Vertrauenswürdigkeit

 Strukturelle Rahmenbedingungen

  • Fachliche Qualifikation der Mitarbeitenden
  • Beteiligung an Organisationsfragen
  • Qualität des Teamklimas
  • Fallpensum
  • Ausgewogenheit zwischen Aufgaben- und Ressourcenplanung
  • Personalfluktuation und Einrichtungsbindung des Personals
  • Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung im Team
  • Klarheit über die Gründe und Ziele der jeweiligen Maßnahme

 Kooperation mit dem öffentlichen Träger

  • Realistisch formulierte und praktisch erreichbare Zielvereinbarungen
  • Kooperative Arbeitsbeziehung
  • Transparente Verhandlungsstrategien

Diese kontextuellen Informationen sind wertvoll, weil sie notwendige Bedingungen für die Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen enthalten. Die Wirkungserfassung orientiert an den mit den Leistungsempfänger(innen) und Leistungsträgern vereinbarten Hilfeplanzielen sowie der Zufriedenheit beider Personengruppen mit den angebotenen und durchgeführten Maßnahmen. Diese fallen vor allem in die Kategorien „Selbstständigkeit“, „Leistungsmotivation“ und „Leistungserfolge“. Ebenfalls erhoben wird die Zufriedenheit der beteiligten Mitarbeitenden.

Natascha Linge sagt:

„Sicherlich kann es dabei auch immer wieder vorkommen, dass wir uns die falschen, zu hohe oder zu niedrige Ziele gesetzt haben. Daher müssen auch die gesetzten und vereinbarten Hilfeplanziele zwischendurch immer wieder hinterfragt und neu überdacht werden. Wir haben im YIL zum Beispiel festgestellt, dass wir bei der Zielsetzung bereits weiter unten anfangen müssen, um die Leistungsempfänger(innen) besser dort abzuholen, wo sie stehen. Außerdem ist uns bei der genauen Betrachtung aufgefallen, dass einige Leistungsempfänger(innen) eigentlich gar nicht in diese Maßnahme gehört hätten, sondern in einem anderen Angebot besser untergebracht gewesen wären. Das heißt, wir haben Korrekturen bei der Zielsetzung und der Beschreibung der Zielgruppe vorgenommen.“

Der YIL-Bericht setzt auf eine Fusion klassischer (leistungsorientierter) Kennzahlen und einer wirkungstheoretisch fundierten pädagogischen Konzeption, deren „Stimmigkeit“ sich anhand der jährlichen Selbstüberprüfung zu beweisen hat. In der Konsequenz führt dies zu einem iterativen Berichtsstil, der die Ergebnisse des internen Learnings immer wieder zum Ausgangspunkt der (Neu-)Konzeption des Folgejahres macht. So eingesetzt, schafft der SRS für die Jugendhilfe Oberbayern – neben der integrativen Zusammenführung aller notwendigen Berichtselemente – auch eine Grundlage für die Qualitätsentwicklung und operative Steuerung.

Auf die Nachfrage, ob sie den SRS-Leitfaden auch anderen Einrichtungen empfehlen würde, antwortet Linge:

„Wir würden das Werkzeug auf jeden Fall auch anderen Organisationen empfehlen, weil sich die Zeit und Arbeit, die es kostet bzw. macht, einfach lohnt. Ohne durch einen solchen Bericht zur Reflexion der eigenen Arbeit gezwungen zu werden, würde man sich die Zeit hierfür vermutlich im oft hektischen Berufsalltag nicht nehmen und der Erkenntnisgewinn über die Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit des eigenen Angebots bliebe aus.“

Das Beispiel des YIL-Berichts zeigt, dass die Einführung von Wirkungsorientierung in der Kinder-und Jugendhilfe möglich ist – und dazu noch Gewinn bringend. Gewonnen werden Klarheit und Transparenz, und sei es über Ambivalenzen im Gesamtkonstrukt. Mit vielen wohlüberlegten Schritten hin zum Wirkungsmodell, zu relevanten Wirkfaktoren und mit einer sich kontinuierlich reflektierenden Betrachtung anhand der Strukturierungshilfe SRS, ist der Jugendhilfe Oberbayern ein hervorragender Bericht gelungen. Der notwendige Balanceakt zwischen Praxistauglichkeit und wissenschaftlichen Herangehensweisen wurde hier gut austariert. Und gleichzeitig wird deutlich, dass es bei dem Unterfangen eher um ein Herantasten an die Wirklichkeit geht.

Social Reporting Standard | Wirkungsorientierte Berichterstattung für soziale Organisationen